Geächtet, geduldet, geliebt

Der Frei­bur­ger His­to­ri­ker Michel Abe­ßer hat die Ent­wick­lung des sowje­ti­schen  Jazz nach Sta­lins Tod unter­sucht

Wie konnte sich der Jazz in der Sowjet­union von einer ideo­lo­gisch ver­fem­ten Musik­form Ende der 1940er Jahre zu einem akzep­tier­ten Teil der Kul­tur nach Josef Sta­lins Tod wan­deln? Mit die­ser Frage hat sich Michel Abe­ßer vom His­to­ri­schen Semi­nar der Uni­ver­si­tät Frei­burg in sei­ner Dis­ser­ta­tion beschäf­tigt. Auf Grund­lage von Archiv­ma­te­rial, Pres­se­ar­ti­keln, Memoi­ren und Inter­views hat er unter­sucht, wie tief­grei­fend sich die sowje­ti­sche Gesell­schaft und Kul­tur­po­li­tik wäh­rend der Ent­sta­li­ni­sie­rung nach 1953 und des Kal­ten Krie­ges ver­än­der­ten.

Kul­tur­funk­tio­näre:  Pro Jazz
Am Bei­spiel der rus­si­schen Städte Mos­kau und Lenin­grad sowie der est­ni­schen Haupt­stadt Tal­lin zeigt Abe­ßer, wie der Jazz ver­brei­tet, auf­ge­nom­men, gedeu­tet und kon­trol­liert wurde. „Die lukra­tive aber ideo­lo­gisch umstrit­tene Tanz­mu­sik wurde zum Inte­gra­ti­ons­an­ge­bot an die wach­sende städ­ti­sche Bevöl­ke­rung“, sagt der His­to­ri­ker. Wider­sprüch­li­che poli­ti­sche Refor­men und ideo­lo­gi­sche Unsi­cher­hei­ten nach Sta­lins Tod 1953 hät­ten es den Mit­glie­dern des Zen­sur­ap­pa­ra­tes, der staat­li­chen Kon­zert­or­ga­ni­sa­tio­nen und der Medi­en­pro­duk­tion erschwert, mit den zuneh­men­den west­li­chen Ein­flüs­sen auf die Popu­lär­kul­tur umzu­ge­hen. In der wach­sen­den Beliebt­heit des Jazz sahen viele Kul­tur­funk­tio­näre, im Gegen­satz zur Par­tei­spitze, die Chance auf Gewinne für die sowje­ti­schen Kon­zert­or­ga­ni­sa­tio­nen, deren Arbeit einem deut­li­chen Spar­kurs unter­wor­fen wurde, so Abe­ßer.

Zudem ana­ly­siert der For­scher das Milieu jugend­li­cher sowje­ti­scher Jazz­en­thu­si­as­tin­nen und -enthu­si­as­ten und zeigt, wie Impro­vi­sa­tion als soziale Pra­xis unter dem Dach des Kom­so­mol – der Jugend­or­ga­ni­sa­tion der Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei der Sowjet­union – umge­deu­tet und sowje­tisch gemacht wurde. So erhiel­ten junge Musi­ker in Jazz­klubs und Jugend­ca­fés nach Jah­ren des ille­ga­len Spie­lens in der musi­ka­li­schen Schat­ten­wirt­schaft erst­mals die Mög­lich­keit, vor Publi­kum auf­zu­tre­ten und zu impro­vi­sie­ren. Indem die zukünf­ti­gen Eli­ten der Büro­kra­tie in den 1960er Jah­ren den an die­sen Orten gespiel­ten Jazz hör­ten, grenz­ten sie sich sozial gegen­über ihren Alters­ge­nos­sen ab: Diese hat­ten sich bereits der auf­kom­men­den Rock­mu­sik ver­schrie­ben. Abe­ßer kommt zu dem Ergeb­nis, dass die Nach­wuchs­ge­ne­ra­tion des Par­tei­ap­pa­ra­tes den Jazz für sich bean­spruchte und hin­ter­fragt damit den anti­to­ta­li­tä­ren Mythos der Musik.

Good­man als PR-Waffe
Am Bei­spiel der Auf­tritte des US-ame­ri­ka­ni­schen Jazz­mu­si­kers Benny Good­man und sei­ner 19-köp­fi­gen Band in der Sowjet­union 1962 zeigt Abe­ßer zudem, wie rele­vant der Jazz als kul­tu­rel­ler Aspekt des Kal­ten Kriegs war: Die US-ame­ri­ka­ni­sche Regie­rung ver­an­lasste die Tour­nee, um das Image der Ver­ei­nig­ten Staa­ten bei der sowje­ti­schen Bevöl­ke­rung zu ver­bes­sern. Infor­melle Tref­fen und Jam-Ses­si­ons zwi­schen den ame­ri­ka­ni­schen und sowje­ti­schen Jazz­mu­si­kern konn­ten in man­chen Fäl­len auch poli­ti­sche Tren­nun­gen unter­lau­fen.

Foto: Benny Good­man (3. von links) 1952 mit eini­gen sei­ner frü­he­ren Band­mit­glie­der, um das Piano von links nach rechts: Ver­non Brown, Geor­gie Auld, Gene Krupa, Clint Nea­gley, Ziggy Elman, Israel Crosby und Teddy Wil­son (am Piano). Wäh­rend des Kal­ten Krie­ges 1962 ging Good­man mit sei­nem Orches­ter in die Sowjet­union; sie gaben 30 Kon­zerte vor 180 000 Zuhö­rernr

Quelle: Library of Con­gress, Prints & Pho­to­graphs
Divi­sion, NYWT&S Collection/Wikipedia.org