Demokratische Stühle

Pica Asamble

Die Argen­ti­nie­rin Ama­lia Pica stellt mit „Katach­rese“ ihre neu­este Ein­zel­aus­stel­lung im Kunst­ver­ein Frei­burg vor (vom 16.09. 30.10.2016)

Der Kunst­ver­ein Frei­burg freut sich, Katach­rese, die Ein­zel­aus­stel­lung der inter­na­tio­nal bekann­ten argen­ti­ni­schen Künst­le­rin Ama­lia Pica (*1978 in Neu­quén Capi­tal, AR), anzu­kün­di­gen. Der Titel der Aus­stel­lung ist ein rhe­to­ri­sches Stil­mit­tel für eine lin­gu­is­ti­sche Ver­schie­bung, die unstim­mige sprach­li­che Bil­der mit­ein­an­der ver­bin­det. Kom­mu­ni­ka­tion ist ein wesent­li­ches Thema in Picas Kunst, das sie bestän­dig in ver­schie­dene Medien umsetzt − skulp­tu­rale Instal­la­tion, Zeich­nung, Foto­gra­fie und Per­for­mance − und anpasst.

Picas Aus­stel­lung in Frei­burg prä­sen­tiert sich in zwei Tei­len. In der gro­ßen Aus­stel­lungs­halle im Erd­ge­schoss wird Kom­mu­ni­ka­tion durch eine skulp­tu­rale Instal­la­tion mit per­sön­lich gebun­de­nen Stüh­len dar­ge­stellt, wäh­rend auf der Gale­rie im 1. Stock zahl­rei­che neue Skulp­tu­ren prä­sen­tiert wer­den.

Die Beschäf­ti­gung mit dem Thema Kom­mu­ni­ka­tion steht in Zusam­men­hang mit dem geschicht­li­chen Hin­ter­grund der Hei­mat Picas, die in den 1970er Jah­ren in Argen­ti­nien gebo­ren ist, als die Bevöl­ke­rung von einer gewalt­tä­ti­gen Mili­tär­junta, die eine freie Kom­mu­ni­ka­tion wei­test­ge­hend zu unter­drü­cken ver­suchte, ter­ro­ri­siert wurde. Die Instal­la­tion aus Stüh­len im Erd­ge­schoss der Aus­stel­lungs­halle knüpft an die Per­for­mance Asam­ble an, die Ama­lia Pica 2015 auf der berühm­ten Plaza del Con­greso in Bue­nos Aires durch­ge­führt hat.

Für Frei­burg wer­den Mit­glie­der des Kunst­ver­eins und Bür­ge­rin­nen und Bür­ger dazu ein­ge­la­den, ihre Stühle für die skulp­tu­rale Instal­la­tion bei­zu­steu­ern, wodurch Pica an ihre frü­here Per­for­mance anknüpft, sich jedoch gleich­zei­tig auf die Ein­rich­tung des Kunst­ver­eins und des­sen ursprüng­li­che Grund­la­gen bezieht. Im deutsch­spra­chi­gen Raum ent­stan­den Kunst­ver­eine auf Initia­tive eines Ver­bun­des von Pri­vat­per­so­nen, die sich für Zeit­ge­nös­si­sche Kunst ein­setz­ten. Daher nimmt die Instal­la­tion im Kunst­ver­ein nicht nur die Ver­bin­dung zur Situa­tion einer ent­fern­ten Kul­tur und deren Not­lage auf, son­dern eben­falls die Hal­tung einer bür­ger­schaft­li­chen Gemein­schaft – ein demo­kra­ti­sches Enga­ge­ment für die Kunst. Somit ist die Instal­la­tion bei Pica ein orts­spe­zi­fi­sches Sym­bol für loka­les, kul­tu­rel­les Mit­ein­an­der.

In der heu­ti­gen Zeit, in der sich auch in Europa ten­den­zi­ell ein gestei­ger­ter Natio­na­lis­mus bemerk­bar macht und in Deutsch­land eine Debatte geführt wird, ob Flücht­linge aus Kri­sen­ge­bie­ten auf­ge­nom­men oder abge­lehnt wer­den sol­len, ist es erlaubt, die Instal­la­tion auch als Betrach­tung über Migra­tion zu sehen sowie über die Her­aus­for­de­rung, Demo­kra­tie und die Gleich­heit zwi­schen Indi­vi­duen in unse­rer glo­ba­len Kul­tur auf­recht zu erhal­ten.

Durch die Abwe­sen­heit von Men­schen legt die Frei­bur­ger Instal­la­tion den Schwer­punkt auf die ver­schie­den­ar­ti­gen Sitz­ge­le­gen­hei­ten und das, was durch diese reprä­sen­tiert wird. Jeder Stuhl gehört einer Per­son, die er, auch durch die indi­vi­du­el­len Gebrauchs­spu­ren, reprä­sen­tiert. So wer­den mit der Instal­la­tion ver­schie­dene Gren­zen über­wun­den: zwi­schen per­sön­li­chem und sozia­lem Raum, zwi­schen dem loka­len (Frei­burg) und dem inter­na­tio­na­len (Bue­nos Aires) Zusam­men­hang und, unter Berück­sich­ti­gung der heu­ti­gen poli­ti­schen Situa­tion, zwi­schen geschicht­li­cher Erin­ne­rung und aktu­el­ler Gegen­wart.

In eini­gen der spe­zi­ell für diese Aus­stel­lung neu geschaf­fe­nen Skulp­tu­ren von Pica auf der umlau­fen­den Gale­rie im 1.Obergeschoß wer­den Möbel­frag­mente und all­täg­li­che Objekte mit­ein­an­der zu neuen Kon­fi­gu­ra­tio­nen kom­bi­niert, deren Form oft­mals eben­falls auf Stüh­len basiert. Die Ver­bin­dung von ver­schie­de­nen Objek­ten zu einem neuen Bild kor­re­spon­diert mit der Kette unglei­cher Stühle in der Aus­stel­lungs­halle. Beide Werke bil­den kol­lek­tive For­men; beide erin­nern an den par­ti­el­len Ver­zicht der indi­vi­du­el­len Auto­no­mie in Bezug auf die Bedin­gun­gen der sozia­len Demo­kra­tie, in der im Ide­al­fall das Ganze mehr ist als die Summe sei­ner Teile.

Ama­lia Pica, geb. 1978 in Neu­quén Capi­tal, Argen­tina, lebt und arbei­tet in Lon­don (GB).

Ein­zel­aus­stel­lun­gen (Aus­wahl): La Criée, Ren­nes (FR) 2014; Memo­rial for inter­sec­tions, Kunst­halle Lis­sa­bon (PT) 2013; Low Visi­bi­lity, Johann König, Ber­lin (D) 2013; Ama­lia Pica On paper, Basis, Frank­furt (D) 2012; Endymion’s Jour­ney, Marc Foxx Gal­lery, Los Ange­les (USA) 2011, Micro­pho­nes, SKOR, Inkijk, Ams­ter­dam (NL) 2010, Malmö Kon­st­hall, Malmö (S) 2010; Final Insomne, INTER / medio, Cór­doba (AR) 2003.

Grup­pen­aus­stel­lun­gen (Aus­wahl): BEYOND THE PROCESS Werke aus der SAMMLUNG LENIKUS im Kunst­raum Inns­bruck, Kunst­raum Inns­bruck, Inns­bruck (A) 2014; IEmmy Moore’s Jour­nal, Salts, Basel (CH) 2013; 21 Artists Short­listed for the Future Gene­ra­tion Art Prize 2012, Pin­chu­kArt­Centre, Kiev (UA)

2012; ILLU­MI­na­ti­ons, 54. Bien­nale Vene­dig, Vene­dig (IT) 2011; Every ver­sion belongs to the myth, Pro­ject Arts Cen­ter, Dub­lin (IRL) 2009; Robin­son Cru­soe, Cen­tro Cul­tu­ral Mon­te­her­moso, Vito­ria-Gas­teiz (ES) 2008.

Rah­men­pro­gramm:

Frei­tag, 16.09. um 19 Uhr | Eröff­nung

Frei­tag, 16.09. um 19:30 Uhr | Begrü­ßung: Hein­rich Dietz, Direk­tor

Frei­tag, 16.09. um 19:45 Uhr | Ein­füh­rung: Caro­line Käding, Kura­to­rin

Mitt­woch 12.10. und 26.10. | Öffent­li­che Füh­rung

jeweils 19 Uhr

Sonn­tag, 25.09. um 14 Uhr | Die Jun­gen Wil­den – Kin­der­work­shop

Mitt­woch 05.10. um 19 Uhr | Kunst­sa­lon mit Her­bert M. Hurka, Publi­zist

Kunst­ver­ein Frei­burg
Drei­sam­str. 21
79098 Frei­burg

Öff­nungs­zei­ten:
Di – So 12 – 18 Uhr | Mi 12 – 20 Uhr | Mo geschlos­sen
Ein­tritt 2 € / 1,50 € | Don­ners­tag gra­tis | Mit­glie­der freier Ein­tritt
Tag der deut­schen Ein­heit (03.10.) geöff­net.

www.kunstvereinfreiburg.de

Foto:
Ama­lia Pica
Asam­ble, Bue­nos Aires 2015
Per­for­mance